Seit dem 23. Januar kann im Regionalbahnhof unter dem Potsdamer in Berlin die Ausstellung Sonderzüge in den Tod der Deutschen Bahn besichtigt werden. Dort, mehr oder weniger am Rand des Zwischengeschosses versteckt, machen 40 Tafeln auf das Schicksal von etwa 3 Millionen Kindern, Frauen und Männern aufmerksam, die während der NS-Zeit mit Hilfe der Bahn aus ganz Europa in die verschiedenen Konzentrationslager deportiert wurden.
Das diese Ausstellung von der Deutschen Bahn selbst organisiert wurde, darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Deutsche Bahn gerne von ihrer Vergangenheit ablenkt bzw. diese nicht zu sehr in die Öffentlichkeit drängen mag. Daran ändert weder der Kommentar der konzerneigenen Unternehmenshistorikerin Dr. Susanne Kill etwas, welche in der Tagesschau sagte, „die Bahn sei damals ein williger Auftragnehmer der Nazis gewesen“, noch das Selbstverständnis der Deutschen Bahn zur Aufbereitung der NS-Zeit.
Aus dem Selbstverständnis der Deutschen Bahn zur Aufbereitung der NS-Zeit:
Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 ist es der Deutschen Bahn AG ein wichtiges Anliegen, die Erinnerung an die Geschichte ihrer Vorläuferorganisationen wach zu halten. Besonders die Rolle der Deutschen Reichsbahn im Nationalsozialismus und ihre Beteiligung an den Menschen verachtenden Verbrechen sind für die Bahn ein dauerhaftes Thema. Auch mehr als 60 Jahre nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur, die unendliches Leid gebracht hat, ist es heute unverändert bedeutsam, eine aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu fördern. Es geht darum, die Geschichte zu kennen, um für die Zukunft zu lernen.
Wie Katharina Schuler in ihrem Artikel Die Bahn stellt sich ihrer Vergangenheit in der Zeit Onlineausgabe vom 24.1.2008 darlegt, ist die Entstehungsgeschichte der Ausstellung Sonderzüge in den Tod bei weitem nicht so geradlinig, wie es das Selbstverständnis zur Geschichtsaufarbeitung der Bahn und deren Pressemitteilung zur Ausstellung Sonderzüge in den Tod vermuten lassen. In dieser Pressemitteilung wird Margret Suckale (Personalvorstand der Deutschen Bahn) wie folgt zitiert:
„Die Reichsbahn hat ohne Zweifel eine tragende Rolle beim nationalsozialistischen Völkermord innegehabt. Sie war in den NS-Staat integriert und hat seine verbrecherischen Aufträge erfüllt. Die Deutsche Bahn setzt mit dieser Ausstellung ihr Engagement für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus fort.“
Es sei hierbei angemerkt, dass ein Grossteil der aktuellen Ausstellung auf der Fotoausstellung von deportierten Kindern der Initiative “Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs” basiert. Eben jener Ausstellung, mit der die Deutsche Bahn noch vor zwei Jahren nicht an Deportierte in ihren Bahnhöfen erinnern wollte! Ebenfalls muss der letzte Satz von Suckales Zitat wie blanker Hohn in den Ohren der Organisatoren vom Zug der Erinnerung e.V. klingen, die trotz der allgemeinen Blockadehaltung der Deutschen Bahn, eine Ausstellung zur Deportationen vom Millionen von Juden, Sinti und Roma erarbeiteten. Diese Ausstellung, passender Weise in einigen Eisenbahnwagen untergebracht, fährt die ca. 3000 km Gleise entlang, über die die Deportationen vor 60 Jahren ebenfalls führten. Der Zug macht dabei an vielen Bahnhöfen halt, so machte der Zug der Erinnerung im Dezember in Göttingen Station.
Wie sehr die Deutsche Bahn dabei an der offenen Darstellung ihrer Geschichte interessiert ist, zeigt sich daran, dass sie den Organisatoren des Zuges der Erinnerung jeden Halt und jeden gefahrenen Trassenkilometer in Rechnung stellt! Selbiges stellt auch Marvin Brendel von geschichtekombinat.de in seinem heutigen Beitrag Begrenzte Geschichtsaufarbeitung bei der Deutschen Bahn treffend fest: Es scheint der Deutschen Bahn lieber zu sein, eine eigene Wanderausstellung zu organisieren, um diese dann in unterirdischen Ecken zu verstecken und seine Kunden somit nicht an das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus erinnern zu müssen. Das es jedoch ein breites öffentliches Interesse an dieser Ausstellung gibt, kann ich aus eigener Hand bestätigen. Jedes Mal, wenn ich in den vergangenen Tagen am Potsdamer Platz vorbei kam, waren jede Menge Menschen vor und zwischen den 40 Ausstellungstafeln zu sehen!
Die Ausstellung Sonderzüge in den Tod kann daher ein Startschuss für die Deutsche Bahn werden. Das es noch viele unbeantwortete Fragen zur Geschichte der Reichsbahn in der NS-Zeit gibt, zeigt Katharina Schuler in ihrem Artikel auf, wenn sie schreibt: Wenn hier vor allem der Opfer gedacht wird, so erfahren wir doch so gut wie nichts über die Täter. In diesem Sinne sollte auch die Deutsche Bahn erkennen, dass kein Weg an einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte vorbei führt, auch wenn man sich selbst nur als Rechtsnachfolger der Reichsbahn sieht. Denn zum Einen gibt es sehr wohl ein öffentliches Interesse an dieser Problematik und zum Anderen Initiativen, die sich längst dieser Thematik angenommen haben und bereit sind in die Öffentlichkeit zu tragen!
Die Ausstellung kann noch bis zum 29. Februar 2008 im Zwischengeschoss des Regionalbahnhofes Potsdamer Platz in Berlin besichtigt werden. Sie befindet sich vor dem Eingang zum dortigen Einkaufszentrum.